Radfahrende Jugendliche und Erwachsene

Da die Gefahrensituationen den meisten Begleitpersonen der Rad fahrenden Kinder zumindest gefühlsmäßig bewusst sind, benutzen zunehmend auch Rad fahrende Eltern, Großeltern und andere Begleitpersonen die Gehwege zum Radfahren. Sie waren nach §2 der Straßenverkehrs-Ordnung (StVO) dort bislang nicht zugelassen . Doch mit der Novelle vom 14. Dezember 2016 ist dies nun möglich.

Denn wenn Kinder auf dem Gehweg fahren, wollen die begleitenden Personen möglichst in der direkten Nähe mitfahren. Die erwachsene Begleitperson will an jeder Kreuzung und Einmündung bei der Querung der Straße das Kind unterstützen, denn dort ist es gefährlich. Für die Eltern kleiner Kinder ist die Benutzung der Fahrbahn kaum zumutbar, wenn sie an jeder Kreuzung abbiegen, absteigen und die Kinder über die Straße begleiten müssten. Hinzu kommt, dass auch Gehwegüberfahrten, zum Beispiel Ausfahrten an Tankstellen, Großmärkten, Krankenhäusern etc., für auf dem Gehweg fahrende Kinder gefährlich sein können und die Begleitpersonen hier gar keinen Einfluss haben. Um diesen Bedürfnissen entgegen zu kommen erlaubt das Bundesverkehrsministerium das Radfahren einer geeigneten Begleitperson im Alter von mindestens 16 Jahren auf dem Gehweg, um die Sicherheit eines Rad fahrenden Kindes im Alter von bis zu 8 Jahren zu erhöhen.

Vorher hatte der FUSS e.V. Einspruch eingelegt – und mit Erfolg: Nicht nur, dass nun ausschließlich Kinder im Alter von bis zu 8 Jahren (ursprünglich geplant bis zu 10 Jahren) auf dem Gehweg begleitet werden dürfen, sondern auch, dass der Fußverkehr durch Begleitpersonen und radelnde Kinder weder gefährdet noch behindert werden darf, was die Anpassung der Geschwindigkeit an den Fußgängerverkehr erfordert, konnte für die Gesetzesänderung 2016 erwirkt werden.

Dennoch kommt diese rechtliche Zulassung von Begleitpersonen nach §2 Absatz 5 StVO nun einer generellen Freigabe des Radfahrens auf Gehwegen einen Schritt nähergleich, denn damit ist es noch schwieriger geworden, zu kontrollieren, aus welchen Gründen jugendliche oder erwachsene Personen mit dem Fahrrad die Gehwege benutzen. Es bleiben eigentlich nur zwei Wege:

    1. Sich für sichere Radverkehrsanlagen einzusetzen, die auch von Kindern benutzt werden können.
    2. Möglichst frühzeitig mit dem Kind auf Straßen mit einem geringen Kraftfahrzeugverkehr eine echte Verkehrsteilnahme üben und diese Fahrten regelmäßig unternehmen. Nur das schult das Regelverständnis und verfestigt hre Kommunikation mit dem selbstverständlich vor Ihnen fahrenden Kind.

 

Radfahrerin auf Rad/Gehweg zwischen Fußgängern
(Foto: Claudia Hämmerling)

Hinzu kommen:

Radfahrerinnen und Radfahrer jeden Alters. Sie sind laut Straßenverkehrs-Ordnung auf Gehwegen abgesehen von der oben beschriebenen neuen Ausnahmeregelung nicht zugelassen (StVO §2).

Die Gründe für das rechtswidrige Verhalten sind vielfältig und mehr oder weniger nachvollziehbar. Da gibt es die sich auf der Fahrbahn unsicher fühlenden Radfahrerinnen und Radfahrer, zum Beispiel ältere Kinder und deren Eltern, ältere Menschen, mit Gepäck beladene Räder. Auch der Straßenbelag (Pflaster) spielt eine wesentliche Rolle und für schnellere Radfahrerinnen und Radfahrer besteht die Gefahr des plötzlichen Öffnens der Autotüren auf nicht gesicherten Fahrstreifen.

Darüber hinaus aber gibt es auch Radfahrerinnen und Radfahrer, die sich das Radfahren auf Gehwegen angewöhnt haben, egal ob es sich um frequentierte Kraftfahrzeugstraßen handelt oder nicht, ob es eine Geschwindigkeitsreduzierung gibt und wie der Fahrbahnbelag aussieht. Nachvollziehbar ist aber auch, dass unter diesem teilweise regen Radverkehr auf Fußwegen insbesondere, Kinder, mobilitätseingeschränkten Personen („Hilfsbedürftigen“) und ältere Menschen zu leiden haben, die nach der Straßenverkehrs-Ordnung besonders geschützt werden müssen (§3, Absatz 2a).

Der FUSS e.V. sträubt sich jedoch weiterhin gegen die Änderungen in §2 der Straßenverkehrsordnung. Denn auch wenn diese neuen Regelungen laut Verkehrssenator Dobrindt familienfreundlicher sein und für mehr Verkehrssicherheit sorgen sollen, ist dem FUSS e.V. noch schleierhaft, wie die Eignung der Begleitperson im alltäglichen Verkehrsgeschehen kontrolliert und vermittelt werden soll. Es erscheint FUSS e.V. daher sehr wichtig, Strategien wie das generelle Verbot des Radfahrens auf Gehwegen wieder stärker durchzusetzen, um die Regelkonformität zu erhöhen.

Radfahrende Kinder

Ein wesentlicher Schritt der Aufweichung der Gehwegnutzung durch Fußgängerinnen und Fußgänger war aus Verkehrssicherheitsgründen verständlich und ist dennoch bis heute umstritten:

Radfahrende Kinder bis zum vollendeten 8. Lebensjahr müssen, bis zum vollendeten 10. Lebensjahr können auf Gehwegen fahren. Dabei sollten sie auf Fußgänger „besondere Rücksicht“ nehmen (StVO §2, Absatz 5).

Diese Formulierung ist leider für die meisten Gehwegnutzerinnen und -nutzer in der rechtlichen Konsequenz nicht verständlich: Auch die radfahrenden Kinder müssen Schrittgeschwindigkeit (4 – 7 km/h) einhalten und absteigen, wenn für Fußgänger eine Gefahr der Behinderung, der Belästigung oder der Schädigung ausgeht (StVO §1, Absatz 2). Diese sehr einschränkende Nutzungsmöglichkeit ist in der Praxis überfordernd, weil die Halte- oder Absteigentscheidung allein durch das Kind getroffen werden muss, da die Eltern verpflichtet sind, Radwege, Radstreifen oder Fahrbahnen zu nutzen.

Es ist also so, dass die Kinder beim Überqueren einer Fahrbahn, also an jeder Kreuzung und Einmündung, absteigen und ihr Fahrrad schieben müssten. Dadurch ergibt sich in der Praxis keine Verkehrsteilnahme als Radfahrerin oder Radfahrer, sondern ein ständiger Wechsel zwischen Gehen und Fahren.

Diese Regelung ist aus mindestens drei wesentlichen Gründen umstritten:

  • Erstens verlagert sich das Unfallrisiko der Kinder lediglich auf die Querungsstellen der Fahrbahnen, bündelt es dort und erhöht es sogar, weil die Kinder von Autofahrerinnen und Autofahrern besser am rechten Fahrbahnrand wahrgenommen werden können als erst nach dem Abbiegen.
  • Zweitens verlagert sich das Unfallrisiko der Kinder auf spätere Lebensjahre, da das frühzeitige Einüben der Verkehrsteilnahme dadurch verhindert wird und erhöht es sogar, weil die Kinder mit zunehmendem Alter auch risikobereiter werden und insgesamt riskanter fahren.
  • Drittens aber ist diese Regelung unlogisch, sobald es einen Radweg gibt, der von der Begleitperson, jedoch nicht von dem Kind benutzt werden muss. In diesem Fall können zwar die Begleitpersonen in Kreuzungsbereichen bei „freier Fahrt“ durchfahren; das Kind muss aber dennoch absteigen.

Alles in allem FUSS e.V. schlägt daher einige Änderungen in §2 Absatz 5 StVO vor. Die Kritik äußert sich beispielweise darin, dass in der Praxis eine Unterscheidung der Altersstufen von Kindern kaum bis nicht zu leisten sei und sich Kinder gar zu schnell an das Radfahren auf dem Gehweg gewöhnen könnten. Somit sollten zumindest vorhandene Radwege von Kindern genutzt werden müssen. Auch sei für Kinder das Absteigen und Schieben des Fahrrades vor jeder Straßenquerung nicht alltagstauglich und führe womöglich sogar zu einem defensiven, der Sicherheit abträglichen Verhalten. Am sinnvollsten sieht FUSS e.V., dass Kinder in Begleitung überall dort fahren sollten, wo es erwachsenen Personen auch erlaubt ist (abgesehen von der 2016 in Kraft getretenen Gesetzesänderung). Zudem würde mehr Sicherheit erzielt werden, dürften Kinder und ihre Begleitperson nebeneinander auf der Fahrbahn fahren (die Begleitperson auf der linken Seite).

Des Weiteren sieht FUSS e.V. in dem geänderten §2 StVO eine entscheidende Lücke: Denn ist es Kindern im Alter von bis zu 8 Jahren und Begleitpersonen ab 16 Jahren nun erlaubt, auf dem Gehweg mit dem Rad zu fahren, dürfen das Kinder zwischen 9 und 15 Jahren weiterhin nicht. Dies bedeutet im Umkehrschluss: Während die Aufsichtsperson mit den kleinen Kindern auf dem Gehweg fährt, müssen die älteren Kinder auf der Fahrbahn fahren. Die von FUSS e.V. aufgestellte Forderung, dass Kinder in Begleitung überall dort fahren dürfen, wo auch die Aufsichtsperson nach bisheriger Regelung fahren darf, ist auch unter diesem Blickwinkel sinnvoller als die Ende 2016 umgesetzte Regelung. Außerdem zeigt dieser As­pekt nur einmal mehr, dass die umgesetzte Regelung in der Praxis nicht gänzlich überprüfbar ist.